ein älterer Herr mit Glatze und fliederfarbenem Hemd sitzt vor gelbem Vorhang

Führungsverständnis im Wandel | Eine Selbstreflexion

Wir müssen gar nicht weit in die Vergangenheit zurückreisen, da war Führung noch klar definiert: Command & Control – Auftrag erteilen und kontrollieren. So einfach war das. Heutzutage wandelt sich das Bild einer Führungskraft. Es geht darum, Einfluss abzugeben, Entscheidungen gemeinsam im Team zu treffen, Mitbestimmung und Eigenverantwortung zu fördern. Das ist anspruchsvoll für die allermeisten Beteiligten, denn nicht alle Mitarbeitenden freuen sich, plötzlich Stellung beziehen zu müssen – und nicht allen Führungskräften gelingt es loszulassen. Aus dieser Herausforderung ist die Idee zu einem Interview mit Ralph Thurnherr entstanden, Bereichsleiter im Kundenservice Kollektiv-Leben der Baloise.

Du bist wer du bist | Prägung und Muster

Eingangs des Gespräches erzählt Ralph, dass er aus einer Lehrerfamilie kommt mit klaren Strukturen und Regeln. “So bin ich erzogen worden – durchaus streng – und daraus ist vermutlich ein mich prägender Charakterzug entstanden. Ich mag es, wenn die Dinge klar sind und tue mich schwerer, offene Themen auszuhalten.” Aber genau das erlebt Ralph nun immer häufiger und erkennt in der eigenen Reflexion, dass er lernt, Kontrolle abzugeben und dass gemeinsam getroffene Entscheide mehr Nachhaltigkeit bieten. “Mein grösstes Aha-Erlebnis hatte ich nach einer Rochade unter uns Bereichsleitern. Sechs Personen tauschten untereinander die Jobs. Plötzlich verantwortest du eine Abteilung, von der du kaum eine Ahnung hast. Du brauchst die Alteingesessenen, du bist auf sie und ihre Meinung angewiesen, musst zuhören. Von da an hat sich etwas bei mir verändert.”

Ein Imagewechsel braucht Zeit

Wenn Ralph in sich hinein hört und die Diskussionen bzw. die Zusammenarbeit des vergangenen Jahres Revue passieren lässt, dann empfindet er seine eigene Veränderung sehr stark. “Es gibt immer wieder diese Momente, in denen ich gern entscheiden möchte. Je sicherer ich selbst in meiner Sicht bin, desto schwerer fällt es mir, mich zurückzunehmen. Aber dann gebe ich den Mitarbeitenden ganz bewusst Freiraum, ihre Meinung zu formulieren, Vorschläge einzubringen, selbst Lösungen zu finden. Man kann wirklich sagen, ich übe, die Dinge laufen zu lassen.” Allerdings, nur weil Ralph das so an sich wahrnimmt, deckt sich das nicht überall mit Fremdeindrücken. “Es gibt weiterhin Kollegeninnen und Kollegen, die mir spiegeln – du bist der klassische Führungstyp. Es dauert wohl eine Weile, bis gefestigte Muster wirklich für alle sicht- und spürbar verschwinden”, lacht er.

Führung abgeben | Situative Entscheide

Für Ralph ist Führungsarbeit anspruchsvoller geworden. “Ich vergleiche mich heutzutage gern mit Fussball-Schiedsrichtern, die auch permanent abwägen müssen, ob sie das Spiel laufen lassen oder pfeifen.” Was Ralph damit meint sind u.a. die Situationen, in denen Mitarbeitende ihren neu gewonnenen Freiraum gar nicht mögen. Jene, die Struktur und Regeln ihrer Chefs jahrelang gewöhnt waren und sich nun schwer tun, selbst Verantwortung zu übernehmen. “Ich kann das verstehen”, sagt Ralph. “Wir alle müssen lernen während sich die Form unserer Zusammenarbeit verändert.” Seine Klaviatur sei insgesamt breiter geworden, sagt er. “Ich sehe mich selbst in der Verantwortung, situativ zu entscheiden: Wer war seit jeher im Auftragsmodus unterwegs, wen muss ich seinen neuen Freiraum erstmal entdecken lassen und wer läuft von allein, weil er ihn sich längst erobert hat?”

Gemeinsame Entscheidungen machen mehr Spass

Letztlich lässt sich Führung nach oben wie nach unten verstehen: Immer gibt es Geführte und Führende. Ralph selbst steckt in so einer Sandwich-Position. Nach seiner Erfahrung sorgt Führung auch für Prägung. “Der Stil eines Vorgesetzten überträgt sich. Werden über dir Kontrolle und Druck eingefordert, bist du selbst ähnlich unterwegs. Lässt dein Chef die Zügel lockerer, kannst du diese Haltung auch an dein eigenes Team weitergeben.” Es tut sich viel im Führungsverständnis der Baloise. Leadership- Diskussionen und Trainings thematisieren ein neues Mindset top down verbunden mit mehr Agilität, Selbstorganisation und Austausch auf Augenhöhe. “Ich für mich kann sagen, wann immer es uns gelingt, diese sehr zeitgemässe Form der Zusammenarbeit zu leben, macht es mehr Spass als früher. Ich bin nicht Allein-Entscheider, sondern wir schaffen Tatsachen zusammen. Das mag manchmal länger dauern, aber das Gemeinschaftserlebnis ist viel grösser.”


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