“…die Studenten von heute sind zu einem grossen Teil ungeistige Menschen, ihnen liegt am Studium als solchem, an der Freude am Erkennen des Wirtschaftslebens und der wirtschaftlichen Zusammenhänge nichts…”
Bei der Recherche für meine Bachelorarbeit, in der ich mich mit Nachwuchsprogrammen beschäftige, bin ich über ein unterhaltsames Werk von 1955 gestolpert. Dazumal steckte das Praktikantentum noch in den Kinderschuhen. Welche Bedeutung wurde den Praktikanten/innen zugeschrieben? Und was hat sich bis heute geändert?
Der Arbeitsmarkt stellt heutzutage hohe Anforderungen an Berufseinsteiger/innen. Jeder, der schon mal bei einem Vorstellungsgespräch war, weiss, dass früher oder später die Frage nach Berufserfahrung oder Praktika auftaucht. Wohl nicht zuletzt daher nimmt die Bedeutung von praktischer Erfahrung laufend zu.
Wie sah die Situation vor rund 50 Jahren aus?
Aufgrund der damaligen Expansion der Wirtschaft, gewann die Thematik über fehlenden fähigen Nachwuchs an brennender Aktualität. Die Absolventen des Betriebswirtschaftsstudiums – denen eigentlich Führungspositionen vorschweben sollten – genossen allerdings keinen so guten Ruf. Nicht selten wurde ihnen aufgrund des theorielastigen Studiums und dem damit verbundenen fehlenden Realitätsbezug “praxisferne”, “rudimentäre Kenntnisse”, “fehlendes soziales Gewissen” und “Hochnäsigkeit” nachgesagt.
Dadurch wurde mehr und mehr deutlich, dass nebst den theoretischen Kenntnissen über Wirtschaftsgesetze und Lenkungsprinzipien, insbesondere der praktischen Betätigung des Studenten ein hoher Stellenwert zukommt. Nichtsdestotrotz war vielfach aus “prinzipiellen Gründen”, der betriebswirtschaftliche Praktikant so manchen Unternehmen nicht genehm.
So wurde beispielsweise beim Einsatz eines Praktikanten von “einem durch den im gesamten Geschäftsbetrieb zirkulierenden Fremdkörper” gesprochen. Ausreden, wie “der Praktikant könnte allzu viel erschnüffeln, was normalerweise dem ‘Firmengeheimnis’ zugehört” waren besonders geläufig. Ja, man empfand es sogar als “eine Ungerechtigkeit sondergleichen, wenn an der Hochschule den Studenten Prinzipien vermittelt werden, die die Firma in jahrelangem Erfahrungsausbau gebrütet hat”.
Derartig unterhaltsame Anregungen und Tipps begleiten den Leser durch das ganze Buch:
Die praktische Beschäftigung wird als psychologischen und physiologischen Ausgleich darstellt und soll die Studienzeit “stimulieren”. Voraussetzung eines Praktikanten seien ein offener Blick und ein aufrichtiges Wesen, damit dieser zu Gunsten des Unternehmens, als aussenstehende Person Urteile und Kritik über das in Routinemässigkeit versinkende Alltagsgeschehen machen kann. Allerdings muss der Student in Kauf nehmen, hie und da langweilige Routinearbeiten zu verrichten. Doch auch das brauche keine uninteressante Beschäftigung zu sein. Es wird argumentiert, dass der Praktikant so aufs trefflichste die Mitarbeiter beobachten kann und…. jetzt kommts: “andererseits eine gewisse Erfahrung gewinnt, wie langweilige Routinearbeiten tatsächlich sein können”.
Die Frage um finanzielle Entschädigung muss vom Studenten unter allen Umständen als untergeordnet betrachtet werden. Die Begründung liegt darin, dass man üblicherweise, um etwas erlernen zu können, Geld hingegeben müsse. Daher gilt es als eine noble Geste seitens der Firma, wenn diese sich nicht nur bereit erklärt, einen Praktikanten aufzunehmen, sondern ihm überdies noch einen Lohn auszahlt!
Den Unternehmungen wird geraten sich um das Wohl des Praktikanten zu kümmern und sich nicht zu “genieren”, ihn über technologische oder organisatorische Missverhältnisse offen aufzuklären. Ausserdem soll dem Praktikanten die letzte Woche zu freier Disposition gestellt werden “unter Zuweisung eines geeigneten und ruhigen Arbeitsplatzes”. Dies deshalb, damit “er in Gedanken nochmals in aller Ruhe das gesamte Betriebserlebnis bis ins Detail Revue passieren lassen und bei auftauchenden Unklarheiten, die betreffenden Personen sofort befragen kann”.
Auch heute noch scheinen Gehaltsfragen und sinnvolle Beschäftigung der Praktikanten häufig nicht vollkommen geklärt zu sein. Dennoch haben so manche Unternehmen in den letzten 50 Jahren an Erfahrung gewonnen und viele haben mittlerweile die Wichtigkeit der frühzeitigen Einbindung von Studenten erkannt.
Was für Praktikumserfahrungen habt ihr gemacht? Und findet ihr Parallelen zu damals? – Selin
Quelle: Roland Schleuchzer, “Das betriebswirtschaftliche Praktikum” Verlag Paul Haupt Bern 1955
